Persönlichkeitsstörungen

Symptomatik

Bei den Persönlichkeitsstörungen handelt es sich um komplexe, starre und tief greifende Muster problematischen Denkens, Fühlens und Handelns sowie zwischenmenschlichen Beziehungsverhaltens, die bereits seit dem Jugend- oder dem frühen Erwachsenenalter bestehen. Dabei kommt es neben Verhaltensstörungen auch zu einer Reihe von leidvollen Beschwerden, die von den Betroffenen vor allem innerlich – zum Beispiel auf der Ebene des Umgangs mit den eigenen Gefühlen oder des Selbsterlebens (Identität) – erfahren wird.
Häufig erleben die Betroffenen immer wieder gleiche Konflikte mit anderen oder sich selbst, ohne dass sie eine Erklärung dafür finden können. Dabei kommt es meist zu massiven Beeinträchtigungen und tiefem persönlichem Leid in vielen Lebensbereichen, zum Beispiel in der Organisation des Alltags, der beruflichen Leistung, der Beziehungsgestaltung mit Freunden, Familie, Partnern, Kollegen oder im Umgang mit dem eigenen Körper, den eigenen Gefühlen und der eigenen Identität.

Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung wird vor allem dann gestellt, wenn die beeinträchtigenden Verhaltens- und Erlebensmuster eines Menschen
• in hohem Masse mit den Erwartungen der Umwelt kollidieren
• anhaltende, unflexible und starre Reaktionsweisen darstellen
• erhebliches Leiden oder soziale Beeinträchtigungen (z.B. in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz) verursachen
• bereits seit dem Jugend- oder frühen Erwachsenenalter bestehen

Die häufigsten Persönlichkeitsstörungen

Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung
Angst vor Ablehnung und Kritik und das Gefühl der Unzulänglichkeit führen zu Hemmungen oder zur Meidung des Kontaktes mit anderen.
Beispiele für Selbstbeschreibungen:
• Ich gehe Beziehungen nur dann ein, wenn ich ganz sicher bin, dass ich auch gemocht und akzeptiert werde.
• Ich habe Angst, etwas zu tun oder zu sagen, wofür ich abgelehnt oder ausgelacht werde.
• Anderen gegenüber fühle ich mich unterlegen.
• In Gesprächen weiß ich oft nichts zu sagen oder ich traue mich nicht, meine Meinung zu äußern.
• Ärger behalte ich lieber für mich.
• Oft sage ich Einladungen ab
• Unangenehme Gefühle sind für mich unerträglich.

Dependente Persönlichkeitsstörung
Angst vor dem Alleinsein und vor dem Verlassen werden führt zu einem Muster von unterwürfigen, anklammernden Verhaltensweisen.
Beispiele für Selbstbeschreibungen:
• Entscheidungen trifft in der Regel meine Bezugsperson (Partner, Eltern, Freund).
• Die Initiative für Unternehmungen geht immer von meinen Bezugspersonen aus.
• Alleine bin ich hilflos.
• Wenn enge Beziehungen zerbrechen, fühle ich mich hilflos und zerstört.
• Ich brauche andere Menschen, um überleben zu können oder glücklich zu werden.

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Unbehagen bei Unvorhersehbarem, Instabilität, Veränderung und vorgestelltem Versagen führt zu einem Muster von ständiger Beschäftigung mit Normen, Perfektion, Kontrolle und Ordnung.
Beispiele für Selbstbeschreibungen:
• Ich bin ein sehr gewissenhafter Mensch
• Ich kann Aufgaben häufig nicht abschließen, weil ich sie sehr genau machen will.
• Andere finden, ich sei eigensinnig oder stur.
• Andere führen Arbeiten nicht gewissenhaft genug aus.
• Ich weiß, was das Richtige und das Beste ist.
• Es wichtig, Regeln und Gesetze einzuhalten.

Emotional-instabile oder Borderline Persönlichkeitsstörung
Starke Verunsicherung bezüglich der Selbst- und Fremdwahrnehmung führt zu einem Muster von Instabilität, das sich in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild, den Gefühlen sowie in starker Impulsivität zeigt.
Beispiele für Selbstbeschreibungen:
• Ich habe sehr intensive Beziehungen zu Menschen, die aber häufig nicht lang anhalten.
• Oft bin ich zwischen Liebe und Hass hin- und her gerissen.
• Wenn es mir schlecht geht, handle ich oft impulsiv und schädige mich selbst dann zum Beispiel durch übermäßiges Geld ausgeben, Fressanfälle, Substanzmissbrauch oder risikoreiches Autofahren.
• Ich leide unter starker Angst, verlassen zu werden.
• Ich kann sehr schnell in Wut geraten, ohne dass ich sie kontrollieren könnte.
• Häufig empfinde ich Langeweile oder ein Gefühl innerer Leere.

Histrionische Persönlichkeitsstörung

Angst vor Unzulänglichkeit und Nichtbeachtung oder Ablehnung bringt ein charakteristisches Muster von starker Emotionalität verbunden mit aufmerksamkeitsforderndem und dramatischem Ausdrucksverhalten hervor.
Beispiele für Selbstbeschreibungen:
• Ich kann es nicht ertragen, wenn ich nicht beachtet und bestätigt werde.
• Andere haben kein Recht, mir etwas zu verweigern.
• Meine Gefühle können sehr schnell wechseln und ich zeige sie deutlich.“
• Ich lasse mich von meinen Gefühlen leiten.“
• Ich lege viel Wert auf eine attraktive äußere Erscheinung.
• Wenn ich etwas will, muss ich es gleich haben.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Starke Verunsicherung bezüglich des eigenen Selbstwertes sowie Ängsten vor Mittelmäßigkeit oder Bedeutungslosigkeit wird mit einem Muster von Großartigkeitsgefühlen bei ausgeprägter Kränkbarkeit verbunden mit einem Bedürfnis nach Bewunderung und Bestätigung sowie mangelndem Einfühlungsvermögen in andere Personen begegnet.
Beispiele für Selbstbeschreibungen:
• Ich bin ein einzigartiger Mensch.
• Häufig beschäftige ich mich mit Phantasien, die sich um große Erfolge, Macht, makellose Schönheit oder ideale Liebe ranken.
• Kritik kann ich kaum ertragen.
• Viele Menschen schätzen meine besonderen Fähigkeiten nicht ausreichend.
• Ich erwarte, dass man mich meiner besonderen Persönlichkeit entsprechend behandelt.
• Ich verdiene besondere Regeln, weil ich besser bin als andere.

Bitte beachten Sie:

Dies sind jeweils idealtypische Beschreibungen. Im Einzelfall können verschiedene Persönlichkeitsakzentuierungen kombiniert auftreten.
Persönlichkeitsstörungen können auch zeitweilig durch andere Störungen verdeckt sein: Häufig entwickeln sich in der Folge der durch die Persönlichkeitsstörung verursachten massiven Probleme in der Lebensführung und Beziehungsgestaltung zeitweilig oder dauerhaft andere Störungen, wie zum Beispiel Depressionen, Somatoforme Störungen, Angststörungen, Esstörungen oder Zwangsstörungen.

Patientenratgeber

Als Sisyphus den Stein losließ oder: Verlieben ist verrückt!
Ein psychologisches Lesebuch über menschliche Überlebensformeln und individuelle Entwicklungschancen. (Serge K. D. Sulz) 2. korrig. Auflage. München: CIP-Medien 1999

Persönlichkeitsstörungen.
(Peter Fiedler) Weinheim: BeltzPVU 2001

Persönlichkeitsstörungen.
Ursachen, Erkennung, Behandlung. (Gerhardt Nissen, Hg.) Stuttgart: Kohlhammer 2000

Schluss mit dem Eiertanz.
Ein Ratgeber für Angehörige von Menschen mit Borderline. (Randi Kreger, Paul T. Mason) Bonn: Psychiatrie Verlag 2003

Wenn Haß und Liebe sich umarmen.
Das Borderline-Syndrom. (Joachim Gneist) München: Piper 2003

Leben auf der Grenze.
Erfahrungen mit Borderline. (Andreas Knuf, Hg.) Bonn: Psychiatrie Verlag (Reihe Edition Balance) 2002

Borderline.
Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige. (Andreas Rahn) Bonn: Psychiatrie Verlag (Reihe RATschlag) 2002

Weg aus dem Chaos.
Das Hans – mein – Igel – Syndrom oder Die Borderlinestörung verstehen. (Hans-Peter Röhr) Düsseldorf/Zürich: Walter 1996

Ich hasse dich – verlaß‘ mich nicht.
Die schwarzweiße Welt der Borderline – Persönlichkeit. (Jerold. J. Kreisman, Hal Straus) München: Kösel 1992

Mich kränkt so schnell keiner.
Wie wir lernen, nicht alles persönlich zu nehmen. (Bärbel Wardetzki) München: Kösel 2001

Ohrfeige für die Seele.
Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können.(Bärbel Wardetzki) München: Kösel 2000

Narzißmus. Das innere Gefängnis.
(Hans-Peter Röhr) Düsseldorf/Zürich: Walter 1999

Weiblicher Narzißmus. Der Hunger nach Anerkennung.
(Bärbel Wardetzki) 5. Auflage München: Kösel 1991