Ich bin der Welt abhanden gekommen

Ein Fallbeispiel zur Trauma-Behandlung

Wer ein Ereignis erlebt oder beobachtet, welches mit einer Todesbedrohung oder einer ernsthaften Verletzung einhergeht, wer darauf mit intensiver Angst, Hilflosigkeit oder Schrecken reagiert, der kann an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTB) erkranken. Die Schrecken des zweiten Weltkrieges haben eine ganze Generation Kriegsteilnehmer traumatisiert. Heute ist PTB – das belegen neuere Studien aus den USA – ein weit verbreitetes Krankheitsbild. Fast 60% aller Vergewaltigungsopfer und 35% aller misshandelten Kinder sind traumatisiert. Insgesamt entwickeln sieben bis zwölf Prozent aller Menschen eine solche Störung. Damit kommt PTB häufiger vor als Asthma oder Diabetes.
Wer sich nicht in Behandlung begibt, leidet oft noch nach Jahren an Symptomen der PTB: Immer wieder drängen sich die Bilder, Gedanken und Erinnerungen an das schreckliche Ereignis auf. Alpträume, geringes Selbstvertrauen, und das Gefühl einer überschatteten Zukunft belasten den Erkrankten. Er will das alles vergessen, aber die Angst bleibt und wird stärker. Denn was einmal passiert ist, kann jeden Moment wieder passieren. Nirgendwo ist man sicher, niemandem kann man vertrauen. Der amerikanische Wissenschaftler Kessler fand heraus, dass ohne Behandlung nach drei Jahren noch ca. 60%, nach 5 Jahren über die Hälfte, und nach 10 Jahren immerhin noch 40% der Erkrankten weiterhin an PTB litten.


Fallbeispiel
An einem strahlenden Sommertag veränderte sich das Leben der fröhlichen, selbstbewussten und mit ihrem Leben zufriedenen K. Sie wurde in einen Strudel von Ängsten, Traurigkeit, Misstrauen und Zweifeln an sich und der Welt gezogen. Sie kam der Welt abhanden, als sie auf einem ihrer regelmäßigen Spaziergänge das Opfer eines Überfalls wurde und durch über fünfzig Messerstiche lebensgefährlich verletzt wurde.
Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus versuchte sie, ihr gewohntes Leben wieder aufzunehmen. Sie ging zur Arbeit, traf sich mit Freunden, kümmerte sich um ihren Garten. K. wollte das Geschehene so schnell wie möglich vergessen. Weder mit ihrem Mann noch mit ihren Eltern konnte und wollte sie über ihr traumatisches Erleben sprechen. Es sollte einfach alles so sein wie vorher. Und ihre Familie war zunächst froh darüber. Mit der Zeit mussten sich aber sowohl K. als auch ihre Angehörigen und Kollegen eingestehen, dass sie nicht mehr die Selbe war.
K. war misstrauisch und unsicher geworden, drehte sich auf der Straße ständig um, vermied einsame Orte, kontrollierte immer wieder, ob Fenster und Türen verschlossen waren. Sie sagte Einladungen ab, vernachlässigte ihre Hobbys und ihren Hund. Aus Angst, sie könne mit Gewalt konfrontiert werden, las K. weder die Zeitung noch schaltete sie den Fernseher ein. Manchmal, ohne erkennbaren Anlass, lief der Überfall wieder vor ihrem inneren Auge ab, und K. geriet in Panik, fühlte sich so, als ob das Ereignis jetzt gerade wieder passiere. Am schlimmsten war für K. das Gefühl der ständigen Bedrohung – was einmal passiert ist, kann wieder passieren. Darüber hinaus kam K. zu der Überzeugung, dass sie selbst Schuld an dem Überfall trage, dass sie irgendetwas verbrochen habe, für das sie nun bestraft werde. Schließlich litt sie an Schlafstörungen, Appetitverlust, zunehmenden Narbenschmerzen, Niedergeschlagenheit, innerer Leere, konnte sich nicht mehr konzentrieren, stand ständig unter Strom und hatte das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben. Sie war der Welt abhanden gekommen.
Die Symptome, unter denen K. leidet, sind Folgen des traumatischen Erlebens und deren Verarbeitung. Im Traumagedächtnis werden die Momente größter Todesangst und Hilflosigkeit, die auf allen Sinneskanälen wahrgenommen wurden, eingebrannt. Die negativen Gefühle und Körperempfindungen werden dabei als Erinnerungsspuren mit allen möglichen Situationselementen des traumatischen Ereignisses gekoppelt. Dadurch erhalten viele bislang neutrale oder gar positive äußere Reize, wie zum Beispiel Wald, Mann, Messer, Sonnenschein, aber auch körperliche Vorgänge wie Herzklopfen eine neue Bedeutung: Sie werden zu Auslösereizen für das Erleben von Gefahr und Bedrohung an Leib und Leben.
Wenn ihre Mutter ein Küchenmesser benutzte, litt K. unter extremer Angst und Hilflosigkeit, und nur mit zugeschnürter Kehle, Zittern und Schweißausbrüchen konnte sie ihrer Mutter beim Kochen zusehen. Schließlich ging sie gar nicht mehr in die Küche. Durch Vermeidung solcher Situationen bleibt aber die Bedeutung als Gefahrenreiz bestehen. Ein Brotmesser erinnert K. nicht an frisches Brot, sondern an Bedrohung, Ausgeliefertsein und Todesangst.
Obwohl K. alles tat, um nicht an den Überfall erinnert zu werden, blieb sie gerade durch die Vermeidung der Auseinandersetzung mit dem Trauma in ihren traumatischen Erinnerungen gefangen. Sie konnte weder Freude noch Selbstbewusstsein erleben. Sie spürte keinerlei Sicherheit und sie konnte sich nicht von ihren Schuldphantasien befreien. K. konnte das Trauma nicht abschließen und in ihre Lebensgeschichte integrieren.
In diesem Gefühlswirrwarr aus Verzweiflung, Angst, Hoffnungslosigkeit und Scham fiel es K. schwer, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Kurz vor dem ersten Jahrestag des Überfalls verstärkten sich ihre qualvollen Symptome nochmals, und sie kam zu mir in psychotherapeutische Behandlung.
In der Therapie lernte K. zunächst etwas über die Entstehung und Aufrechterhaltung ihrer Symptome.
Sie erfuhr, dass die Vermeidung aller Situationen und Dinge, die sie an das Trauma erinnern, verhindert, dass sie zwischen damals und jetzt unterscheiden lernt, so dass sie sich auch ein Jahr nach dem Überfall fortwährend in Gefahr glaubt. Sie lernte, dass die Vermeidung der Erinnerung verhindert, dass sie sich an die traumatische Erinnerung „gewöhnt“, die starken Gefühle und Körperreaktionen verblassen können. Und sie verstand, dass die Vermeidung eine Überprüfung und damit eine Korrektur ihrer Schuldvorwürfe an sich selbst verhindert. Diese ausführlichen Informationen halfen ihr, die Motivation aufzubauen, ihre alte Bewältigungsstrategie aufzugeben und sich mit ihren Erinnerungen und Ängsten zu konfrontieren.
Zur Vorbereitung auf die Trauma-Therapie lernte K. Entspannungsverfahren sowie verschiedene Vorstellungs-Techniken zum Aussteigen aus der traumatischen Stressreaktion, zum Beispiel die Vorstellung eines Sicheren Ortes oder die Vorstellung, das Geschehen wie ein Standbild einzufrieren und sich in der Vorstellung soweit davon zu entfernen, dass sie es zeitweilig ohne extreme Anspannung betrachten konnte.
Schließlich lernte K., über die furchtbaren und schmerzlichen Ereignisse zu sprechen, ihre Erinnerung genauer zu rekonstruieren. Dabei konnte sie auch eigene Stärken beim Umgang mit dem Täter während des Überfalls sowie beim Bewältigen des Geschehnisses erkennen, ihr Überleben und ihren eigenen Beitrag dazu ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rücken. Dies führte zu einer deutlichen Verringerung ihrer allgemeinen Anspannung. Begleitend leitete ich sie an, sich wieder zu freuen und das Leben zu genießen. Außerdem empfahl ich ihr, sich mit Aktivitäten beschäftigen, die ihre ganze Aufmerksamkeit forderten, um ihrem von Stresssymptomen geplagten Körper und der von Angstgedanken geplanten Seele Auszeiten zu verschaffen sowie angenehmen Gefühlen, Erfahrungen und Bildern aus der Zeit danach Raum zu geben.
Darüber hinaus beschäftigten wir uns im Rahmen der therapeutischen Sitzungen eingehend damit, ihre negativen Selbsteinschätzungen und irrationalen Überzeugungen genau herauszuarbeiten, jeweils zu hinterfragen und durch realistische Sichtweisen zu ersetzen.
So setzten wir uns intensiv mit der Frage auseinander, ob das Geschehene als Strafe aufzufassen sei. Anhand von Beispielen war es ihr dann möglich zu sehen, dass nicht nur schlechte Menschen von Katastrophen heimgesucht werden und dass sogar unschuldige Säuglinge ermordet werden, während andere, die viel Unrecht getan haben, verschont bleiben. Diese Überlegungen halfen K., ihre Selbstvorwürfe zu entkräften. Mithilfe von Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnungen konnte sie ihre nach dem Trauma entstandene Überzeugung, sie sei gefährdeter als andere, wieder einen Überfall zu erleiden, in Frage stellen und schließlich korrigieren. Darüber hinaus beschäftigte sie sich insgesamt intensiver als früher mit Fragen des Lebenssinns, ihrer Lebensplanung und ihrer Beziehungen zu Menschen. Dabei hatte sie den Eindruck zu reifen.
Das alles waren wichtige Vorbereitungen auf die Konfrontationsbehandlung. Denn um ihre Angst zu verlieren, musste K. durch ihre Angst hindurch gehen. So schlossen wir einen Vertrag, in dem mich K. ermächtigte, sie in die Angst hineinzuführen und darin zu halten.
Schließlich konfrontierte sie sich schrittweise in der Realität mit angstauslösenden Situationsaspekten des Überfalls. Sie lernte, Messer zu berühren, sich in unübersichtlichen Situationen aufzuhalten, in einem Bus neben fremden Männern zu sitzen, ihre Gefühle und Gedanken dabei genau wahrzunehmen und einen Angstabfall zu erleben, der darauf zurück zu führen ist, dass diese Reize in einem Zusammenhang von Sicherheit erfahren und damit ihre ursprüngliche Bedeutung jenseits des Bedrohungscharakters zurück erhalten können.
Aber wir gingen sogar noch weiter: K. hörte täglich mehrmals ein Tonband an, auf dem sie eine detailgenaue Schilderung des Traumas und ihrer Todesangst abgespeichert hatte. Dabei merkte sie, dass mit jedem Anhören ihrer Geschichte ihre innere Anspannung geringer wurde. Und dabei erlebte sie immer wieder aufs Neue, dass der Überfall Geschichte war, dass sie ihn überlebt hatte und das Leben weiter geht. Sie suchte den Ort des Überfalls auf. Sie ließ sich mehrmals – unter meiner Anleitung – von anderen Menschen mit verbundenen Augen herumführen, um ihr Vertrauen in ihre eigene Wahrnehmung aber auch in andere Menschen wieder zurück zu gewinnen. Und sie lernte durch Massagen in einem Wellnesscenter, körperliche Berührungen wieder zu tolerieren, ohne jedes Mal an drohende Messerstiche zudenken, und die Berührungen schließlich zu genießen.
In der Folge gingen die traumatischen Wiedererinnerungen deutlich zurück, ihr Anspannungsniveau und die damit verbundenen Konzentrationsprobleme reduzierten sich und sie konnte ihren sozialen Handlungsspielraum – mit Ausnahme von einsamen Waldspaziergängen – vollständig wieder herstellen.
Die Trauma-Erfahrung ist Teil ihrer Lebensgeschichte, aber sie bestimmt K’s Denken, Fühlen und Handeln nicht mehr allein, sondern als eine Erfahrung unter vielen anderen Lebenserfahrungen, auch wenn sie es nie vergessen wird. Die Trennung der traumatischen Vergangenheit von der Gegenwart ist K. gelungen.